Flugblatt: Es geht um mehr als 5,5 Prozent!

600 Flugblätter wurden von Unterstützer_innen vor dem Werk Thondorf/Graz am Tag des Streikabbruchs (Herbstlohnrunde 2011) – also leider zu spät, aber doch noch – verteilt. Die Reaktionen waren zu 99 Prozent positiv. ArbeiterInnen mit migrantischem Background bzw. ausm Ausland betreten das Werk immer in Gruppen und kommentieren positiv, österreichische ArbeiterInnen immer alleine, eigenbrötlerisch, wortkarg.

An die Arbeiter und Arbeiterinnen von Magna Steyr!

Es geht um mehr als 5,5 Prozent!

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Auf den Betriebsversammlungen hat euch der Betriebsrat erklärt, warum ihr streiken sollt; es geht um eine »kräftige Lohnerhöhung« und um die Bezahlung der Streikstunden. Aber es geht auch um ganz andere Sachen, die von Gewerkschaft und Betriebsrat nicht angesprochen werden! Ihr habt alle für den Streik gestimmt, weil ihr euch nicht länger von den Chefs verarschen lassen wollt und ihr genau wisst, dass ihr nur was erreichen könnt, wenn ihr alle zusammen zu kämpfen beginnt. Denn ihr habt in den letzten Jahren erlebt, was sie machen, wenn ihr nicht kämpft: wie sie massenhaft Leute entlassen und als Leiharbeiter wieder einstellen; wie sie euch Gehaltsverzicht aufbrummen und euch das unterschreiben lassen; wie sie mit immer weniger Arbeitern immer mehr produzieren wollen – während sie Gewinne einstreichen, deren Summe unsere Vorstellungskraft übersteigt; während sie sogar Subventionen (Steuergelder!) bekommen, wenn sie eine neue Halle bauen! Es ist offensichtlich: Sie werden mit eurer Arbeit nicht nur unglaublich reich, sondern meinen vor allem, dass sie so mächtig sind, dass sie mit euch machen können, was sie wollen.

Magna will von euch die bedingungslose Unterordnung an ihre Zeitvorgaben, an ihre Schichtmodelle, an ihre Bezahlung (in der MINI-Montage wollen sie keine Samstagszuschläge zahlen), an ihre Entscheidungen. Ihr sollt still sein und Überstunden machen, wann sie wollen; ihr sollt still sein und in Kurzarbeit gehen, wann sie sagen. Ihr sollt still sein und den Anteil am Gewinn bekommen, den sie für euch vorgesehen haben: 200,- Euro! Mit den LeiharbeiterInnen wollen sie nicht nur sogenannte »Auftragsspitzen« abdecken, sondern bisher feste Stellen in jederzeit kündbare umwandeln! Psychologisch funktioniert die Leiharbeit als Spaltung zwischen den ArbeiterInnen, ökonomisch funktioniert sie als Lohndrückerei (die LeiharbeiterInnen bekommen überhaupt keine Prämie).

Ihr seid nicht die einzigen, die mit so etwas zu kämpfen haben. In allen Fabriken auf der Welt versuchen sie, die ArbeiterInnen noch besser auszubeuten. Aber überall wehren sie sich gegen die Ausbeutung. Auf dem ganzen Globus entstehen gerade Bewegungen gegen diese miese Gesellschaft: Im Frühling haben die Menschen in kürzester Zeit drei scheinbar mächtige arabische Diktatoren gestürzt, in Spanien sind Millionen Leute auf den Plätzen, in England brechen Aufstände aus, in China streikten letztes Jahr tausende FabriksarbeiterInnen und setzten teilweise 30%ige Lohnerhöhungen durch, überall entstehen entschlossene Bewegungen gegen die Wall Street, die Banken, die Chefs, … hier kämpft eine globale Bewegung für bessere Lebensbedingungen. Ihr solltet da mitmachen!

Denn die Kapitalisten, die Politiker, die Wissenschaftler wissen nicht mehr weiter (und ihr wisst, dass sie alle korrupt sind)! Sie haben für diese tiefe Krise keine Lösung, wursteln sich von einem Flächenbrand zum nächsten. Im Werk, in Zeitungen, im Fernsehen faseln sie euch mit ihren ewigen Phrasen von wegen »dunkle Aussichten« oder »ihr-gefährdet-den-Standort« zu. Sie benutzen üble Methoden, um euch wieder an die Arbeit zu bekommen: Peinliche Drohungen vom Vorstand (so peinlich, dass sie alles zurückgezogen haben!), die Schwarzmalerei reicht bis in die Meister- und Teamleaderebene: »das werden wir alles einarbeiten müssen, keine Fenstertage mehr, …« usw. Aber das ist überhaupt nicht ausgemacht, es liegt an euch, dass ihr euch das nicht gefallen lasst.

Die Gewerkschaft und der Betriebsrat werden euch demnächst sagen, dass ihr toll gekämpft habt – aber dass ihr damit wieder aufhören könnt, weil ein ach so großartiger Sieg errungen wurde. Irgendwo bei 4,5 Prozent werden sie euch über eine Abstimmung befehlen, dass ihr wieder ans Band gehen sollt. Verbessern wird das nichts, die paar Euro mehr auf dem Konto taugen nicht mal, um den Nahrungsmitteleinkauf oder eine Tankfüllung wieder drin zu haben; beides ist gerade um über 7 Prozent teurer.

Wenn ihr echte Verbesserungen wollt, dann müsst ihr euch Sachen überlegen wie weiter streiken, aber vor allem müsst ihr euch unabhängig organisieren. Ihr dürft nicht alles der Gewerkschaft überlassen, sie arbeitet genau so dran, dass alles so bleibt, wie es ist. Oder was denkt ihr soll das Gerede von der »Kaufkraft«, die gestärkt werden muss? Damit wollen sie nur, dass ihr kaputter Kapitalismus irgendwie wieder anspringt. Es kann heute nicht nur um Kaufkraft gehen, es muss um mehr freie Zeit und um ein generell besseres Leben gehen. Und das werden sie euch nicht schenken, das müsst ihr euch erkämpfen.

Vergesst nicht: IHR seid diejenigen, die die Arbeit machen, die die Dinge produzieren und die wissen, wie das alles geht!

Denkt mal drüber nach und redet mit euren Kollegen und Kolleginnen darüber.

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